(c) Uwe Winkler

all is to be dared (UA)

Neues Werk von Gerhard Stäbler

Die Komposition all is to be dared für acht-stimmiges Vokalensemble, elektronische Klänge und eine Performance (ad lib.) entstand zum Gedichtfragment #31 der antiken griechischen Dichterin Sappho im Sommer und Herbst 2020 in Duisburg und Rheurdt am Niederrhein.

Sie reflektiert Gedanken um das Wesen und die Zukunft des Menschen in einer sich rasant ändern- den Zeit, die zunehmend von Big Data, biochemischen Manipulationen und artifizieller Intelligenz geprägt ist.

Wo aber bleibt das Unverwechselbare des Menschen?

Da sich dies künftig wahrscheinlich auf das körperlichen Empfinden und Erkennen,
auf Geist und Bewusstsein des Menschen konzentriert, rückt genau das wieder in den Mittelpunkt, was Sappho in ihrem Gedichtfragment #31 beschreibt: das Beachten des Anderen, das Fühlen und Wahrnehmen des Anderen, auch die Empathie, das Leiden mit ihm.

Im Folgenden haben wir Gerhard Stäbler einige Fragen zukommen lassen. Dies sind seine Antworten:

Wann hast du angefangen zu komponieren?

Die ersten drei Teile von „all is to be dared“ entstanden im Sommer 2020, also als das erste „Corona-Jahr“ die Kultur zum Verstummen zwang, und wir Komponisten an den Schreibtisch gefesselt wurden, nicht wissend, ob das, was wir kreïeren, auch aufgeführt wird. Für den November 2020 setzte AuditivVokal allerdings erfreulicherweise die Uraufführung an, die während eines Stimmkongresses an der Dresdner Musikhochschule zum Teil auch realisiert werden konnte. Kurz davor, im Frühherbst des Jahres, schrieb ich dann den abschließenden vierten Teil, der ausschließlich dem „Auge“, dem „Sehen“ gewidmet ist und außer ein paar akustischen Zuspielungen visuell gestaltet ist, live und mit Videoaufzeichnungen.

Wie lässt du dich inspirieren?

Von Gedichten, philosophischen Texten, Prosa, vom Alltag, von Freunden, von der Umgebung, von politischen und gesellschaftlichen Vorgängen, heutzutage eher Malästen. So auch bei „all is to be dared“. Als Textbasis nahm ich ein Gedichtfragment der antiken Dichterin Sappho. Ihre Dichtung (und ihre kongeniale Übertragungen der Kanadierin Anne Carson) begleiten mich schon seit Jahren, denn in ihnen spiegelt sich nicht nur das tiefe Empfinden Sapphos vom Menschen, sondern schreibt gewissermaßen auch die Zeit mit, denn das Wenigste, das von ihr überliefert ist, ist vollständig. Immer wieder fehlt etwas in ihren Gedichten, wurde – wenn es in Stein gemeißelt oder auf Papyrus gesetzt war – durch Erosion ausgelöscht, zerfressen, angesengt … Aber viele ihrer „Fetzen“ haben es in sich. Ein Fragment z. B. ließ nur das übrig (hier in der Übersetzung von Anne Carson):

]

] you will remember

] for we in our youth

                did these things

yes many and beautiful things

]

]

               ]

]

] we live

the opposite

]

daring

]

]

]

Abgesehen davon, dass hier mit wenigen Worten bereits ein Lebensentwurf skizziert ist, können, müssen wir das, was fehlt, mit unserer Imagination füllen. Und das Gedicht, das ich „all is to be dared“ voran gestellt habe und dessen Text ich in ihm auf vielfältige Weise verwende, endet mit dem Anfang eines Satzes: „But all is to be dared …“ (interessant, dass das Verb „to dare“ wieder auftaucht!) Auch hier heischt der fragmentarische Satz Ergänzung: Nach den Erfahrungen und Beobachtungen, die Sappho aus dem Umgang mit einem Menschen gewann und in Worte fasste, sind wir gefordert, Antworten auf das Wagnis des Lebens zu suchen …

Und dann ist da noch – und vor allem – das Motto der Komposition aus Yuval Noah Hararis Buch „21 Lektionen für das 21 Jahrhundert“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Yuval_Noah_Harari), mit dem ich mich u.a. während der Komposition von „all is to be dared“ beschäftigt hatte, und das die Frage der Selbsterkundung in einer Zeit von BIG-DATA aufwirft, die nicht nur von der Entwicklung künstlicher Intelligenz geprägt ist, sondern auch von massiver gesellschaftlicher und politischer Indoktrination, die es schwierig macht, an der Idee des selbstbestimmten Individuums festzuhalten und es als einen Entwurf der Humanität zu bewahren – mit seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart und seiner Zukunft. 

–  

Warum hast du dich bei „all is to be dared“ für das Formschema einer klassischen Sinfonie entschieden?

Die Frage wundert mich: Auf die Idee, „all is to be dared“ mit einer klassischen Sinfonie zu vergleichen, wäre ich als Letztes gekommen. Macht schon die Zusammenstellung von vier Sätzen (mit einer überleitenden bzw. verbindenden Performance vom dritten zum vierten Satz) eine klassische Sinfonie aus? Oder wirkt der dritte Satz „LACHEN“ wie ein Scherzo? Als verbliebener Rest einer „klassischen Sinfonie“? In „all is to be dared“ ging es mir um die Erkundung der Sinne und in diesem Kontext um das Erkennen, im umfassenden Sinne also um das „Sehen“ von etwas, das – wie ich allenthalben feststelle – vom Bann des Verschwindens gekennzeichnet ist: Können wir noch „hören“ – oder hören wir nur noch das, was wir schon kennen, das, was wir hören sollen? „Zählen“ wir nur noch und haben das „Erzählen“ verlernt, das eng mit dem Hören verschwistert ist? Mit anderen Worten: glauben wir nur noch Statistiken, die über das Leben verbreitet werden und mit denen wir – panoptisch überwacht und in Panik versetzt – „domestiziert“ werden sollen, um alles und jedes zu glauben und zu verinnerlichen, was uns Politik, Wirtschaft, Werbung als uns adäquat unterzujubeln versucht, ja geradezu – uns zum Guten! –injizieren will? Oder benutzen wir unsere Sinne, unsere Ohren und Augen, unser Fühlen und Schmecken, um unser Denken, unser Bewusstsein dahin zu lenken, die Wirklichkeit zu durchleuchten und hinter all die Fassaden zu schauen, die um uns in allen Lebensbereichen als Wolkenkuckucksheime errichtet werden?! Vielleicht wäre dies tatsächlich im Sinne der Klassik, nämlich zu wagen, die Illusionen, die uns zu beherrschen drohen und „addicted“, süchtig machen, zu zerreissen … Dann wäre mein Vokalwerk auch eine Weiterentwicklung der klassischen Sinfonie! … und gäbe bereits eine Antwort auf die nächste Frage.

Was bringt dich dazu, etwas zu wagen?

… vielleicht weil ich mich dazu gedrängt fühle? weil ich muss, um das zu ändern, was ich schief gehen sehe? um das zu suchen, zu finden, was fehlt? um das, was in uns steckt, nicht verkümmern zu lassen, sondern zu entfalten. Wie sonst könnten wir erkennen, was wir mehr haben als eine „allmächtige“ Künstliche Intelligenz? Wie sonst könnten wir hören, sehen, fühlen, schmecken, dass es mehr gibt, als was uns Maschinen, eben auch „intelligente“ Maschinen an „überwältigender Muzak“ präsentieren, diktieren! – auch im Bereich so genannter „neuer“ Musik? Wenn ich zurück denke, begleitete mich das „Wagnis“ mein Leben lang. Nicht nur gesellschaftlich und politisch suchte ich als junger Mensch heraus aus Zwängen, bedrängenden Hierarchien, sondern auch im Bereich der Musik. Sie bedeutete mir etwas – als Teil des Daseins. Sie war mir stets mehr als Zerstreuung oder (oberflächliche) Unterhaltung, sie war mir wichtig, um Erkenntnisse über uns als gesellschaftliche Wesen zu sammeln, die nicht nur sich selbst, sondern den Anderen, das Andere im Blick haben. „all is to be dared“ setzt in diesem Sinne eine künstlerische Diskussion fort, die ich in jungen Jahren mit der Komposition „drüber … für acht Schreier, Synthesizer und Violoncello“ begann, mit der ich verstörte – und die alles andere war, als sich genüsslich zurückzulehnen und wegzudämmern …

AuditivVokal Dresden 8er Besetzung

The composition all is to be dared for eight voices, electronic sounds and a performance (ad lib.) was created on the poem fragment #31 of the ancient Greek poet Sappho in summer and autumn 2020. The composer Gerhard Stäbler reflects about the essence of humankind in rapidly changing times which are increasingly dominated by big data, biochemical manipulations and artificial intelligence.

 

(c) Uwe Winkler

Hochschule für Musik Dresden

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Proben- und Arbeitsatelier

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